Seniorengold

Eine Leseprobe

Um 08:24 Uhr öffnete ich ganz behutsam die Haustür. Vorsichtig streckte ich meinen Kopf aus der Wohnung und schielte ins dunkle Treppenhaus – Tom und Jerry Atmosphäre. Noch behutsamer als vorher, zog ich hinter mir die Tür zu. ›Klack‹. Schon fast elegant, huschte ich auf Zehenspitzen die erste Treppe herunter. Nachdem die erste Treppe in Richtung Freiheit mit Bravour gemeistert war, wurde es ernst. Auf Etage zwei angekommen, fing mein Herz erneut an, zu rasen. In Schneckentempo schlich ich an der Tür des Feindes vorbei. Ich wollte nicht hinsehen, musste aber dennoch einen Blick wagen. Unter der Klingel stand eingraviert: Yilmaz. Ich hörte leise Schritte. Der Puls erhöhte sich. Ich blieb stehen. ›Tippel, tippel, tippel, tippel‹. Noch immer horchte ich, hielt den Atem an und stand wie eine Steinskulptur im Treppenhaus. Die Töle schnüffelte unten durch den Türspalt und fing wieder einmal an zu knurren. »Knrrrrrrrrrrrrr« Sofort waren lautere Schritte zu hören. Blitzschnell krachte ich die Treppe herunter. Auf der letzten Stufe stolperte ich, konnte mich aber kurz vor dem Boden noch auffangen. Kräftig stieß ich die Tür zur Freiheit auf. Den Rest des Weges zum Seniorenheim rannte ich.

Der Sprint ließ mich nicht schwitzen. Im Gegenteil. Zu meiner Überraschung war das Seniorenheim nicht viel weiter weg, als der Bäcker in Köln von Amys Wohnung. Im Nachhinein konnte ich mich auch wieder daran erinnern, dass Carlos mir erzählt hatte, dass es nur ein Katzensprung sei. Das Gelände war sehr schön. Es ging quasi in den großen Park, auf den ich von meiner Terrasse blicken konnte, über und war auf den ersten Blick sehr gut gepflegt. Mehrere Bäume umsäumten das Gelände, vor dem Eingangsbereich war ein kleiner Teich mit einer noch kleineren Holzbrücke angelegt. Um den Teich herum befanden sich ein paar Bänke, neben welchen Steintische standen. Auch einen Steintisch mit integriertem Schachbrettmuster und zwei Sitzgelegenheiten konnte ich entdecken. Der erste Eindruck stimmte jedenfalls und fiel äußerst positiv aus. Auf der zweiten Bank von mir aus gesehen, saß ein älterer Mann mit Krückstock, daneben ein noch älter wirkender im Rollstuhl, umwickelt mit einer Decke. Beide hatten ihr verblüffend dichtes Haar weit nach hinten gegelt. Der Mann im Rollstuhl trug eine weit herunter gezogene Pilotenbrille, die einen grässlichen Blauton aufwies. Darüber hinaus besaß er verblüffende Ähnlichkeit mit einem alten Robert De Niro und Vito Genovese. Der Mann mit Krückstock paffte sans gêne eine Zigarre und hätte optisch gesehen durchaus Verwandtschaft von Silvio Berlusconi sein können – cugino di secondo grado.
»Guten Morgen!«, begrüßte ich beide Herren freundlich, die mittlerweile einen Cosa Nostra Eindruck auf mich machten – Boss und Consigliere. Keine Reaktion. Ehrlich gesagt hatte ich auch mit keiner gerechnet. Stoisch und mit fast schon unfreundlicher Miene sahen mich beide Männer an, ehe sie mich von Kopf bis Fuß abwertend scannten. Ich blickte zu Boden und überlegte mir, welcher Ausdruck mir mehr Angst machte: Der animalische Blick meines neuen Freundes an meiner Schlafzimmerdecke oder die ausdruckslosen, gelangweilten und arroganten Mienen der Teichwächter, die auch locker als Mobster durchgegangen wären – Lucky Luciano. Ich wusste es nicht. Bevor ich zum ersten Mal meinen neuen und zukünftigen Arbeitsplatz betrat, fragte ich mich, wie Carlos es geschafft hatte, mich dazu zu überreden, seinen Job zu übernehmen. Das einzig Gute an allem war die Tatsache, dass er gar kein ausgebildeter Altenpfleger war und daher an der Rezeption gearbeitet hatte. Dass er es als Lebensaufgabe sah, sich um ältere Menschen zu kümmern und sich stundenlang mit ihnen zu unterhalten, war aller Ehren wert. Ich sah das jedoch rationaler: Es war bloß ein Job, wie jeder andere auch und keine Berufung. Ich würde mich nicht dazu breit schlagen lassen, den ganzen Tag Opis und Omis im Rollstuhl durch den Park, die Stadt und über die Felder zu fahren. Ich würde hinter der Rezeption sitzen, den Telefonhörer beim Klingeln abnehmen, Ordner sortieren, Listen ausfüllen, suchenden und fragenden Menschen Auskunft erteilen und eventuell hier und da einen kleinen Plausch halten. Ich atmete bewusst tief ein und presste die gesamte Luft wieder hinaus. Ich schaute mich noch einmal um und bemerkte, dass mich die Wächter des Teiches noch immer anstarrten. Die Mienen der beiden wirkten jetzt nicht mehr gelangweilt, sondern überraschenderweise viel interessierter und vor allem neugieriger. Trotzdem erkannte ich noch immer etwas Stoisches in ihrem Starren. Vielleicht sogar etwas Skeptisches. Ich drehte mich wieder um und schaute in Richtung Seniorenheim. Bei einem Plausch würde es bleiben. Nicht mehr und nicht weniger. Komischerweise ahnte ich schon zu diesem Zeitpunkt (obwohl ich noch keinen Schritt in das Seniorenheim gemacht hatte), dass mein Gedanke ein Trugschluss war.
Man konnte das Seniorenheim durch eine Drehtür betreten oder durch eine Flügeltür. Ich entschloss mich für die Drehtür. Ich hätte es ahnen können, hörte aber mal wieder nicht auf meine innere Stimme. Zielstrebig lief ich auf die Drehtür zu, die sich wider Erwarten nicht drehte, und knallte auch schon, bevor ich überhaupt reagieren konnte, mit dem Gesicht gegen die Scheibe. Sie klemmte. Mein Mund klebte an der Glasscheibe und musste sich unvorteilhaft verzogen haben. Ich konnte durch die Scheibe einen Sitzkreis aus Senioren erkennen. Viele erschraken sich (sie dachten womöglich, dass eine Taube gegen die Scheibe geflogen sei), ein paar fingen an Tränen zu lachen. Ich hätte auch gelacht. Zu witzig musste es sein, wenn man wusste, dass die Tür klemmte und eigentlich nur noch eine Tüte Popcorn fehlte, um die Deppen, die gegen die Scheibe liefen, auszulachen. Für die Zuschauer war die Situationskomik geglückt. Ganz großes Kino.
»Die Drehtür klemmt seit Jahren junger Mann!«, rief mir der Mann mit dem Krückstock zu, »Versuch es mal mit der Tür da rechts«, lachte er und zeigte mir mit einer schnellen Armbewegung den komplizierten Weg zu der Tür mit den Flügeln.
»Ach so. Habe ich eben übersehen. Danke!«, rief ich zurück und hob die Hand.
Der Mann drehte sich um und lachte sich mit dem Mann im Rollstuhl, der nach meinem Ungeschick offensichtlich wieder in Richtung Teich geschaut hatte, kaputt.
»Na klasse«, murmelte ich in mich hinein und stieß die Tür zu meiner rechten auf. Der erste Schritt war gemeistert.

Letzte gesendete Nachricht: Hey Amy. Peinlich!!! Ich bin eben vor sehr vielen Augenpaaren mit voller Wucht gegen eine klemmende Drehtür gelaufen. Erdboden geh auf die dritte!!! Und Cut. LG Felix